Bosporus – Treffpunkt https://blogs.dw.com/treffpunkt Vier Kulturschaffende aus Deutschland und der Türkei schreiben über verschiedene Aspekte ihres kulturellen Umfelds Tue, 11 Dec 2012 09:23:30 +0000 de-DE hourly 1 Bosporus https://blogs.dw.com/treffpunkt/2012/10/08/bosporus/ https://blogs.dw.com/treffpunkt/2012/10/08/bosporus/#comments Mon, 08 Oct 2012 12:22:03 +0000 http://blogs.dw.com/treffpunkt/?p=441 BosporusWenn ich mit Şara Sayın auf der Dachterrasse ihres Hauses stehe, mit dem herrlichen Blick auf die weite Wasserfläche des Bosporus und seine Ufer, dann wird mir jedes mal klar, dass diese Stadt eigentlich keine richtige „Mitte“ hat. Gut, es gibt die historische Altstadt-Halbinsel und es gibt die „neue“ Altstadt Beyoğlu mit dem Tünel- und dem Taksim-Platz und auf der asiatischen Seite die Bağdad Caddesi. Und das sind auch Zentren für Kultur oder Kommerz oder auch für beides. Doch die eigentliche „Mitte“ der Stadt ist das Meer.

Es ist der Bosporus, der diese gigantische Stadt in zwei Hälften teilt und gleichzeitig miteinander verbindet. Was für eine andere Form von Teilung in einer Stadt, als die Teilung Berlins durch eine Mauer während meiner Studienzeit dort. Und auf dem Wasser verbinden die Schiffe – nicht die Tanker und Container-Frachter, sondern die „Schwäne Istanbuls“, die weißen Bosporus-Dampfer, die zwischen den Stadthälften hin und her gleiten. Die Meerenge ist also nicht nur pittoresker Teil der Landschaft Istanbul, sondern auch wichtiger innerstädtischer Verkehrsweg.

Fliegender Händler mit "Simit"Bei schönem Wetter sitze ich an Deck eines Dampfers und trinke meinen Tee, bei schlechtem Wetter sitze ich drinnen und trinke meinen Tee, immer mit dem Blick auf das Wasser, auf die atemberaubende Silhouette der Stadt und ihre beiden Ufer. Zum Tee gehört ein „Simit“, ein knuspriger Sesamkringel. An allen Schiffsanlegern wie auch fast allen anderen Haltestellen stehen fliegende Händler und verkaufen, was der Istanbuler als Proviant braucht, auf dem teils langen Weg zur Arbeit. Und bei Regen warten Schirm-Verkäufer, die dann bei Sonnenschein mit Sonnenbrillen handeln. Dazu gesellen sich Schuhputzer, Los- und vor allem Teeverkäufer. Denn auch die Händler selber trinken Tee beim Warten und machen lautstark auf sich aufmerksam. Die Ware findet hier den Käufer.

BosporusVor Kurzem sprach mich bei der Überfahrt von Kadıköy nach Karaköy ein alter Mann auf „Gastarbeiter-Deutsch“ an, jenem Idiom aus einfachstem Deutsch mit türkischer Aussprache, das die erste Generation der türkischen Einwanderer zum Teil noch heute spricht. Manchmal wirft man ihnen ja vor, sie hätten versäumt, richtig Deutsch zu lernen. Doch seien wir ehrlich, was ist eigentlich aus unseren eigenen Italienisch-, Griechisch-, Spanisch- oder gar Türkischkursen geworden, die wir abends nach der Arbeit zu bewältigen hofften? Es begann die übliche Konversation:

„…Deutschland? …welche Stadt? …erste mal Türkei?“

Nachdem ich Rede und Antwort gestanden habe, erzählt er über sich. Ein Sohn lebt in Istanbul und arbeitet bei einer Bank, ein anderer Sohn ist Rechtsanwalt in Nürnberg. Er selber lebt seit über 40 Jahren – zunächst als Gastarbeiter ganz und seit der Rente teils – in Deutschland und in den Sommermonaten in Istanbul, er pendelt somit zwischen seinen beiden Welten wie unser Dampfer zwischen europäischem und asiatischem Ufer des Bosporus.

Bosporus-DampferWenn irgend möglich benutze ich zur Fortbewegung den Dampfer, eine der Barkassen oder miete eines der kleinen Tucker-Boote. Und wenn die Zeit reicht, mache ich sogar einen Umweg, um mich auf dem Wasser bewegen zu können: Statt zum Beispiel in 10 Minuten mit der Straßenbahn von Kabataş nach Karaköy zu fahren, setze ich erst nach Üsküdar über um dann von dort mit dem Schiff zurück ans europäische Bosporus-Ufer nach Karaköy zu fahren – für eine entspannte Dreiviertelstunde mit dem Teeglas in der Hand im Zickzack auf dem Wasser. Öffentlicher Personenverkehr als Schiffsausflug, in welcher deutschen Stadt ginge das schon?

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Şara Sayin https://blogs.dw.com/treffpunkt/2012/09/27/sara-sayin/ Thu, 27 Sep 2012 14:35:18 +0000 http://blogs.dw.com/treffpunkt/?p=357 Sara SayinLange bevor Fatih Akin seinen fiktiven Germanistikprofessor Nejat die deutsche Buchhandlung in Istanbul gleich ganz übernehmen ließ, war die Istanbuler Germanistikprofessorin Şara Sayın bereits Kundin bei Mühlbauer. Und lange davor hatte es gleich zwei deutschsprachige Buchhandlungen in Istanbul am Tünel gegeben – „Caron“ und „Kalis“.

Şara Sayın, Absolventin der Deutschen Schule im Jahr 1943, erinnert sich: „Von den meisten Lehrern wurden wir angehalten, unsere deutschen Bücher bei Kalis zu kaufen und nicht bei Caron, denn deren Eigentümer war Jude.“ Das Geschäftsleben dieses Viertels war von den großen Minderheiten der Stadt geprägt, vor allem den damals größten, der griechischen, der armenischen sowie der jüdischen Minderheit und „…die İstiklal war damals eine mehrsprachige Straße“, sagt Şara Sayin. Doch der Nationalsozialismus warf mindestens seine Schatten auch auf die deutsche Bildungseinrichtung am Bosporus.

Şara Sayıns gesamte achtjährige Gymnasialzeit an der Deutschen Schule fiel in die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland – und dennoch: „Trotzdem habe ich an dieser Schule von jenen deutschen Lehrern, die keine Faschisten waren, anhand der Literatur gelernt, dass man Menschen nicht zu ihrem Glück zwingen darf.“ Unter anderem von der Erfahrung mit diesen Lehrern ging für sie der Impuls aus, Germanistik zu studieren.

Inzwischen ist Şara Sayın seit über 20 Jahren emeritiert und ihr wissenschaftliches Interesse gilt nicht mehr allein der Literatur. Heute beschäftigt sie sich mit Fragen von Hybridität in Bezug auf kulturelle Indentitäten – ob man sich in eine kulturelle Schublade einordnen lässt und diese dann obendrein vielleicht noch selber von innen zuzieht oder ob man als Persönlichkeit nicht das Resultat vieler, möglicherweise widersprüchlicher Einflüsse ist. „Identität ist dem Menschen nicht in die Wiege gelegt,“ sagt sie.

Bosporusufer und BosorusbrückeDie so titulierten „Deutsch-Türken“ oder „Deutschen mit Migrationshintergrund“ oder „türkischstämmigen Mitbürger“ oder welches Etikett wir auch gerade gebrauchen, denen der deutsche Staat nach wie vor das Naheliegenste beharrlich verweigert, nämlich die Möglichkeit der Doppelten Staatsbürgerschaft, die Anerkennung der Hybridität ihrer Identität, fallen mir dabei als bedeutendes Beispiel ein. Seit der spätere Ministerpräsident von Hessen, Roland Koch, in seinen ersten Wahlkampf mit einer Kampagne gegen die damals durchaus positiv diskutierte Doppelte Staatsbürgerschaft „erfolgreich“ war, ist dieses Thema leider vom Tisch. Dabei wäre das ein echtes Zeichen von Integrationsbereitschaft auf Seiten der deutschstämmigen Mitbürger in Deutschland – dieses Bekenntnis zur Hybridität unserer Gesellschaft. Für Şara Sayın ist das nicht nur eine gesellschaftspolitische Fragestellung, sondern Teil der Auseinandersetzung mit „Dichotomien“ – dieser Zweiteilung der Welt in „Entweder-Oder“, die das westliche Denken so nachhaltig prägt.

Zwischen ihrer Schulzeit und Heute liegt ein Leben als kulturelle Brückenbauerin par excellence: Als Inhaberin des „Lehrstuhls für Deutsche Sprache und Literatur“ an der Istanbul Universität, gründete sie an der Hochschule für Fremdsprachen die Abteilung „Deutsch als Fremdsprache“. Sie saß im Türkisch-Deutschen Kulturbeirat und war bereits in den 1980er Jahren als Expertin maßgeblich involviert in den ersten Anlauf zur Gründung einer Deutsch-Türkischen Universität, der damals dann leider von den staatlichen Seiten nicht weiter verfolgt wurde.In einem späteren Anlauf erfolgte dann im Jahr 2010 immerhin eine Universitäts-Gründung.

Şara Sayın wurde mit dem Bundesverdienstkreuz sowie für „die Pflege der deutschen Sprache im Ausland“ mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet. Den Friedrich-Gundolf-Preis verlieh ihr die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung „für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland“.

Auch wenn viele ihrer ehemaligen Studenten inzwischen pensioniert oder emeritiert sind, ist Şara Sayın unverändert wichtige Gesprächspartnerin für viele von ihnen sowie für zahlreiche Autoren beider Sprachen. Von ihrem Haus hoch über dem Bosporus schweift der Blick weit zwischen europäischem und asiatischem Ufer. In ihrem Arbeitszimmer, wo sie ihre Besucher emfängt, sitzt Şara Sayın, von den beiden Katzen Yunus und Cankut flankiert, tatsächlich auf einer Art „west-östlichem Divan“ … Und nicht nur der Blick schweift hier zwischen „Orient und Okzident“, den vermeintlichen Gegensätzen, über die bereits der Namenspatron der deutschen Kulturinstitution Nummer Eins im Ausland den berühmten Satz notierte, „… Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.“

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